Anthropic: Umsatz vervierzehnfacht, KI-Kosten explodieren

Anthropic: Umsatz vervierzehnfacht, KI-Kosten explodieren

Der KI-Wettlauf an der Börse nimmt Fahrt auf. So hat Anthropic, das Unternehmen hinter dem Chatbot Claude, am 26. Oktober 2026 offiziell seine Börsenpläne bei der US-Börsenaufsicht eingereicht. Der für die Nasdaq unter dem Ticker „ANT“ geplante Gang an die Börse könnte einer der größten der Geschichte werden und gleichzeitig einen beispiellosen Einblick in die schwindelerregende Finanzdynamik der führenden KI-Labore gewähren. Die Zahlen zeigen ein Unternehmen, das explosiv wächst, aber auch mit enormen Kosten für Rechenleistung konfrontiert ist.

Umsatzexplosion: 14-faches Wachstum in nur einem Jahr

Die Umsatzentwicklung von Anthropic ist laut Börsenprospekt atemberaubend. Im Jahr 2023 lag der Umsatz noch bei 41 Millionen US-Dollar. 2024 stieg er auf 386 Millionen US-Dollar und 2025 auf 4,59 Milliarden US-Dollar. Im ersten Halbjahr 2026 wurde ein Umsatz von 16,29 Milliarden US-Dollar erzielt - das Vierzehnfache der 1,16 Milliarden US-Dollar aus dem gleichen Zeitraum des Vorjahres.

Ein wesentlicher Treiber dieses Wachstums ist die starke Verankerung im Unternehmensgeschäft. Der Großteil der Einnahmen stammt von Firmenkunden, die für die Nutzung der Modelle pro verarbeitetem „Token“ zahlen. Ergänzt wird dieses Modell durch Abonnements für Privatkunden. Besonders der Coding-Agent „Claude Code“ und „Claude Cowork“ für allgemeine Büroarbeit, das im Januar 2026 gestartet wurde, sorgen für eine rasante Adoption.

Die Kundenbindung ist dabei außergewöhnlich stark: Die Net Revenue Retention Rate liegt bei etwa 900 %, was bedeutet, dass bestehende Kunden im Durchschnitt neunmal so viel ausgeben wie im Vorjahr. Mittlerweile zählt Anthropic über 11.900 Kunden, die jährlich mindestens 100.000 US-Dollar zahlen, sowie mehr als 1.900 Kunden mit einem Jahresumsatz von über einer Million US-Dollar.

Der Schein trügt: 80 Milliarden Verlust auf dem Papier

Der auf den ersten Blick erschreckend hohe Nettoverlust von 80,7 Milliarden US-Dollar für das erste Halbjahr 2026 ist jedoch in hohem Maße durch buchhalterische Effekte verzerrt. So stammen etwa 72,4 Milliarden US-Dollar des Verlusts aus einer nicht zahlungswirksamen Anpassung, nämlich der Neubewertung von Wandelanleihen und anderen Finanzinstrumenten, deren Wert mit der steigenden Unternehmensbewertung von Anthropic ebenfalls gestiegen ist.

Der tatsächliche operative Verlust, also das Minus im operativen Geschäft, ist deutlich geringer und schrumpft rasant. Im ersten Halbjahr 2026 belief er sich auf 693 Millionen US-Dollar, im Vorjahreszeitraum waren es noch 2,1 Milliarden US-Dollar. Auf adjustierter Basis erwirtschaftete Anthropic sogar einen operativen Gewinn von 1,6 Milliarden US-Dollar, was einer Marge von 10 Prozent entspricht. Das Unternehmen ist somit auf operativer Ebene nahezu ausgeglichen und auf bereinigter Basis bereits profitabel.

Die wahre Rechnung: Rechenleistung als größter Kostenblock

Die Rechenleistung ist der eigentliche Kostentreiber. Sie stellt Anthropics größte Betriebsausgabe dar. Allein im zweiten Quartal 2026 beliefen sich die Ausgaben hierfür auf 5,6 Milliarden US-Dollar. Für das gesamte erste Halbjahr beliefen sich die Ausgaben für Rechenleistung und Infrastruktur auf knapp 9 Milliarden US-Dollar und lagen damit deutlich über den 7,3 Milliarden US-Dollar, die Anthropic im gesamten Jahr 2025 dafür aufgewendet hat.

Die langfristigen Verpflichtungen sind gigantisch. So hat sich Anthropic vertraglich zu Ausgaben zwischen 542 und 567 Milliarden US-Dollar für zukünftige Rechenleistung und Infrastruktur verpflichtet. Ein großer Teil davon entfällt auf mehrjährige Cloud-Verträge mit Amazon (mindestens 110 Milliarden US-Dollar), Google (ca. 114,5 Milliarden US-Dollar) und Microsoft (ca. 44,9 Milliarden US-Dollar). Diese Verträge sind oft nicht kündbar und müssen unabhängig von der tatsächlichen Nutzung bezahlt werden. Schätzungen zufolge könnten die gesamten Ausgaben für Rechenleistung über das nächste Jahrzehnt hinweg sogar bis zu 750 Milliarden US-Dollar erreichen.

Bemerkenswert ist, dass Anthropic bislang keine eigenen Rechenzentren errichtet hat, sondern die Infrastruktur von Cloud-Anbietern nutzt. Der Börsenprospekt offenbart jedoch nun Pläne, eigene Rechenzentren zu errichten, um die Abhängigkeit zu verringern. Dadurch entsteht eine zusätzliche Komplexität, da Amazon, Google und Microsoft nicht nur Lieferanten, sondern auch große Investoren und gleichzeitig Konkurrenten sind - ein Paradebeispiel für die zirkulären Finanzierungsstrukturen in der KI-Branche.

Bewertung und Ausblick: Der Börsengang

Anthropic wird derzeit auf den privaten Märkten mit etwa 965 Milliarden US-Dollar bewertet. Für den geplanten Börsengang strebt das Unternehmen eine Bewertung zwischen 1,5 und 2 Billionen US-Dollar an. Damit könnte das Unternehmen bis zu 100 Milliarden US-Dollar einsammeln und den bisherigen Rekordhalter SpaceX im Jahr 2026 übertreffen.

Die Aktie soll an der Nasdaq unter dem Kürzel „ANT“ gelistet werden. Als „Public Benefit Corporation“ ist Anthropic rechtlich dazu verpflichtet, seine Mission einer sicheren KI-Entwicklung mit den Renditeinteressen der Aktionäre in Einklang zu bringen. Die Kontrolle bleibt jedoch fest in den Händen der Gründer: Eine spezielle Aktienklasse sichert den sieben Mitgründern, darunter CEO Dario Amodei und Präsidentin Daniela Amodei, 50,1 Prozent der Stimmrechte. Zudem ernennt ein separates Trust-Gremium die Mehrheit des Verwaltungsrats.

Der Börsengang von Anthropic ist ein bedeutendes Ereignis für die Tech-Branche. Er zeugt vom großen Vertrauen in die zukünftige Bedeutung von KI, macht aber auch die enormen Kapitalströme deutlich, die erforderlich sind, um in diesem Bereich an der Spitze mitzuhalten. Ob sich für die Anleger ein Gewinn ergibt, hängt maßgeblich davon ab, ob das explosive Umsatzwachstum die gewaltigen, langfristigen Kosten für Rechenleistung überkompensieren kann.

Letzte Aktualisierung: 26. Oktober 2026
Felix Bauer
Felix Bauer
Felix Bauer ist IT-Security Consultant und IT Fachjournalist (Themen: Tech, IT-Sicherheit und Datenschutz). Felix Bauer ist seit 20 Jahren in der IT-Sicherheitsbranche tätig. Sein Hauptschwerpunkt liegt auf dem Thema „Virenschutz für Endanwender“. Felix Bauer hat bereits an zahlreichen IT-Sicherheitskonferenzen und sonstigen IT-Sicherheitstagungen teilgenommen und diverse professionelle Qualifikationen im Bereich IT-Sicherheit erworben. Er ist Mitbegründer des Projekts bleib-Virenfrei.

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